Ein heftiger politischer Schlagabtausch zwischen Sepp Müller (CDU) und Heidi Reichinnek (Die Linke) hat in den vergangenen Monaten die Aufmerksamkeit von Politik und Medien auf sich gezogen. Im Kern geht es um die Aufarbeitung der DDR-Zeit, das Erbe der SED-Partei und um Vorwürfe, dass Abgeordnete der CDU bei der geheimen Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt im Oktober 2026 mitgestiftet haben könnten. Der Konflikt beleuchtet die Zerreißprobe der ostdeutschen CDU zwischen einer strikten Abgrenzung nach links und rechts, die neue parlamentarische Mehrheitssituation nach dem Erstarken der AfD sowie das Ringen um die künftige Führung der Landespartei.
Hintergrund der Buch-Protestaktion im Bundestag 2025
Am 25. März 2025 fand die konstituierende Sitzung des 21. Deutschen Bundestages statt. Als Alterspräsident leitete der Linken-Politiker Gregor Gysi die Eröffnung. Während seiner Rede hielt Sepp Müller demonstrativ das 2007 erschienene (2026 neu aufgelegte) Werk des Historikers Hubertus Knabe „Die Täter sind unter uns“ hoch. Müller richtete sich damit mit den Worten an Gysi, der seiner Ansicht nach sowohl die SED- als auch die PDS-Geschichte verharre: „Und ja, er gehört mit zu den Tätern. Er war Vorsitzender der SED-PDS.“
„Da du dir auch eine kleine Geschichtsstunde erlaubst, erlaube ich mir, dir das Buch zu schicken.“ – Sepp Müller, Video-Ansprache auf X, 2025
Die Aktion diente laut Müller als symbolische Erinnerung an die damalige Diktatur und sollte die Linke an ihrer eigenen Vergangenheit erinnern.
Die geheime Wahl des Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt 2026
Am 6. Oktober 2026 wählte der neu konstituierte 9. Wahlperiode-Landtag von Sachsen-Anhalt in geheimer Abstimmung den AfD-Politiker Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten. Von den 82 abgegebenen gültigen Stimmen erhielten Rausch 48 Ja-Stimmen, während 29 mit Nein stimmten und fünf sich enthielten.
- AfD-Fraktion: 39 Sitze
- BSW: 5 Sitze (kündigte Unterstützung für Rausch an)
- CDU: 15 Sitze (Fraktionsführung empfahl Enthaltung)
- SPD, Grüne, Linke: je 8 Sitze (geschlossenes Nein)
Da AfD und BSW zusammen nur 44 mögliche Stimmen haben und die linken Fraktionen ein geschlossenes Nein angekündigt hatten, fehlen rechnerisch mindestens vier Stimmen, die über das erwartete Quorum hinausgehen. Die CDU-Fraktion, die offiziell zu einer Enthaltung aufrief, geriet daraufhin in den Fokus von Beschuldigungen, die darauf hindeuten, dass einzelne Abgeordnete ihre Stimmen für den AfD-Kandidaten abgegeben haben könnten.
Mathematische Plausibilität des CDU-Verdachts
Die Rechnung ist einfach: 48 Ja-Stimmen – 44 mögliche Stimmen von AfD + BSW = 4 zusätzliche Stimmen. Da die SPD, Grüne und Linke ihr Nein einheitlich abgegeben haben, können die vier überschüssigen Stimmen nur aus den Reihen der CDU stammen – vorausgesetzt, die geheime Abstimmung wurde korrekt erfasst. Dennoch bleibt die Zuordnung wegen der Geheimheit der Wahl rechtlich unbeweisbar.
Innenpolitischer Druck auf Sepp Müller und seine Kandidatur für den Landesvorsitz
Sepp Müllers eigene politische Situation ist eng mit dem Wahl- und Abstimmungsstreit verwoben. Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 erreichte die CDU in Sachsen-Anhalt mit 17,2 % ihr historische Tiefstergebnis. Trotz dieses Rückschlags will Müller am 5. Dezember 2026 auf dem Landesparteitag in Sachsen-Anhalt zum Nachfolger von Sven Schulze für den Landesvorsitz kandidieren.
Bereits vor der Landtagswahl hatte Müller öffentlich erklärt, die AfD könne bei einem Wahlsieg einen Regierungsauftrag erhalten. Diese Aussage brachte ihm scharfe Kritik von Bundesparteichef Friedrich Merz ein, der Müller aufforderte, die Union nicht für rechte Kräfte zu öffnen. In seiner Video-Ansprache auf X nutzt Müller den Buch-Skandal, um seine Position als Kandidat zu schärfen und gleichzeitig die Linke zu attackieren.
Reichinneks Reaktion und Müllers Antwort auf X
Heidi Reichinnek, Fraktionschefin der Linken in Sachsen-Anhalt, kritisierte Müller unmittelbar nach der Wahl des AfD-Landtagspräsidenten. In einer Pressekonferenz sagte sie: „Wer einem Rechtsextremen seine Stimme gibt, hat jedes Recht verloren, sich als Demokrat zu bezeichnen.“ Sie vermutete, dass die zusätzlichen vier Stimmen aus der CDU stammten.
Als Reaktion veröffentlichte Müller ein dreiminütiges Video auf X, das innerhalb wenige Tage mehr als 200 000 Aufrufe verzeichnete. Darin kündigte er an, Reichinnek das Buch „Die Täter sind unter uns“ zu schicken und beschuldigte die Linke, eine mögliche „False-Flag-Aktion“ zu inszenieren: „Wart ihr das vielleicht nicht sogar selbst, um in eurer Empörung uns als Union das in die Schuhe zu schieben?“ Reichinnek wies die Unterstellung als „erbärmlich“ zurück.
Bedeutung des Konflikts für die ostdeutsche CDU
Der Streit illustriert die Zerreißprobe der ostdeutschen CDU zwischen einer traditionellen Äquidistanz zur politischen Linken und dem Versuch, rechte Parteien wie die AfD auszuschließen. Während Müller versucht, sich als Vertreter einer „demokratischen Mitte“ zu positionieren, zeigen die internen Spannungen und öffentlichen Auseinandersetzungen, dass die Partei in Sachsen-Anhalt – und damit im gesamten ostdeutschen Raum – vor einer Neu-Definition ihrer politischen Identität steht.
Der Konflikt hat zudem Auswirkungen auf die bevorstehende Ministerpräsidentenwahl im Dezember 2026, bei der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund antreten wird. Die geheim gehaltene Wahl des Landtagspräsidenten kann als Vorboten für weitere umstrittene Entscheidungen im Landtag dienen.
Schnellüberblick:
Warum sorgte die Wahl von Tobias Rausch bundesweit für Aufsehen?
Mit Rausch wurde am 6. Oktober 2026 erstmals in der bundesdeutschen Geschichte ein Politiker einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuften AfD-Landesgliederung an die Spitze eines Landesparlaments gewählt.
Was ist der Hintergrund des Buches „Die Täter sind unter uns“?
Das Buch des Historikers Hubertus Knabe (2007) thematisiert den Umgang des wiedervereinigten Deutschlands mit ehemaligen SED- und Stasi-Funktionären und kritisiert deren politischen und gesellschaftlichen Fortbestand nach 1989.
Wie setzt sich der Landtag von Sachsen-Anhalt nach der Wahl 2026 zusammen?
Im 83-Sitze-zählenden Magdeburger Landtag stellt die AfD 39 Abgeordnete, die CDU 15, SPD, Grüne und Linke jeweils 8 und das BSW 5 Mandate.






