In einer Lesung ihrer Autobiografie „Freiheit“ in Peenemünde am 30. Juni 2024 räumte die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel ein, dass ihre Krisenpolitik – insbesondere die Euro-Rettung und die Entscheidung zur Aufnahme von Geflüchteten im Jahr 2015 – der Alternative für Deutschland (AfD) unbeabsichtigt Auftrieb verliehen habe. Gleichzeitig warnte sie die demokratischen Parteien davor, rechte Narrative zu übernehmen, weil dies das Gegenteil bewirken könnte: Die AfD weiter zu stärken.
Einfluss der 2015er Flüchtlingskrise auf die AfD-Wahlergebnisse ab 2017
Merkels eigene Einschätzung bestätigt die Forschungsergebnisse, wonach die AfD erst nach dem Sommer 2015 zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft avancierte. Die Partei nutzte die Polarisierung um Migration, um neue Wählergruppen zu mobilisieren – vor allem in Nord- und Ostdeutschland.
- Wahlbeteiligung in den ostdeutschen Bundesländern bei der Bundestagswahl 2017: 63,1 % (Statistisches Bundesamt, S5).
- Stimmenanteil der AfD in Mecklenburg-Vorpommern 2017: 22,3 % – deutlich über dem Bundesdurchschnitt (Landeswahlleiter MV, S6).
Der hohe Stimmenanteil in Mecklenburg-Vorpommern, wo Merkels Lesung stattfand, verdeutlicht die regionale Dynamik des Parteiaufschwungs. Die östlichen Bundesländer trugen überproportional zur Gesamtsumme der AfD-Stimmen bei.
Merkels Selbstkritik: Fehler im Umgang mit der AfD
Während der 90-minütigen Lesung las Merkel Passagen aus ihrem Buch, in denen sie feststellt, dass „in bisher nicht gekanntem Maße Wahrheit Lügen und Lügen Wahrheiten genannt werden“. Sie betonte, dass Freiheit nur in einem demokratischen Kontext existiere: „Freiheit braucht demokratische Bedingungen, ohne Demokratie gibt es keine Freiheit.“
Ihr zentraler Appell lautete: „Wenn wir in Freiheit leben wollen, müssen wir unsere Demokratie gegen die verteidigen, die sie bedrohen.“ Sie warnte, dass das ständige Wiederholen von AfD-Themen ohne echte Lösungsvorschläge die Partei nur stärken würde:
„Ich bin überzeugt, wenn sie annehmen, die AfD klein halten zu können, indem sie unentwegt über deren Themen sprechen und sie diese dabei am besten auch noch rhetorisch übertrumpfen wollen, ohne tatsächliche Lösungen für bestehende Probleme anzubieten, dann werden sie scheitern.“
Merkel fasste ihre strategische Leitlinie zusammen: „Maß und Mitte, das ist Basis und Voraussetzung für den Erfolg demokratischer Parteien.“
Regionale Wahlstatistiken im Detail
Die Zahlen belegen, dass die AfD besonders im Osten Deutschlands stark wuchs:
- Wahlbeteiligung Ostdeutschland 2017: 63,1 % – ein Indikator dafür, dass ein hoher Anteil der wahlberechtigten Bevölkerung aktiv am demokratischen Prozess teilnahm, aber gleichzeitig die AfD profitierte.
- AfD-Stimmenanteil Mecklenburg-Vorpommern 2017: 22,3 % – das Ergebnis lag deutlich über dem Bundesdurchschnitt und spiegelte die lokale Resonanz auf die Migrationsdebatte wider.
Diese Daten verdeutlichen, dass die AfD nicht nur von einer nationalen Stimmung, sondern auch von regionalen Besonderheiten profitierte, die durch die Flüchtlingskrise verstärkt wurden.
Konsequenzen für die CDU: Mitgliederabgänge und innerparteiliche Spannungen
Merkels Politik führte nicht nur zu einem Aufschwung der AfD, sondern löste auch innere Konflikte innerhalb ihrer eigenen Partei aus. Laut einem Bericht der FAZ verließen im Jahr 2016 21.000 CDU-Mitglieder die Partei, teils zugunsten der AfD oder anderer rechter Gruppierungen.
- In den Jahren 2015-2021 fanden fünf CDU- und CSU-Parteitage statt, bei denen Anti-Migrations-Themen im Fokus standen (Querschnitt aus Presseberichten, 2021).
innerparteiliche Debatte um „Maß und Mitte“ blieb kontrovers. Während einige Mitglieder Merkels Ansatz als notwendige Verteidigung europäischer Einheit und Menschenwürde sahen, kritisierten andere die einseitige Fokussierung auf Migrationsfragen.
Wissenschaftliche Einschätzungen zu Rechtsaußen-Themen in etablierten Parteien
Merkels Aussage, dass etablierte Parteien selten durch die Übernahme von Rechtsaußen-Themen profitieren, wird von Studien gestützt, die zeigen, dass solche Strategien häufig zu einer Legitimation der radikalen Kräfte führen. Gleichzeitig wird betont, dass die AfD nach ihrem Einzug in den Bundestag stark radikalisiert blieb und keine europäischen Initiativen unterstützte.
Schnellüberblick:
Welche politischen Entscheidungen Merkels laut ihrer eigenen Einschätzung der AfD Auftrieb gaben?
Die Euro-Rettungskredite und die Entscheidung, im Sommer 2015 Flüchtlinge aus Ungarn aufzunehmen, wurden von Merkel als zentrale Faktoren genannt, die der AfD zu mehr Sichtbarkeit und Wählerstimmen verholfen haben.
Wie hoch war die Wahlbeteiligung in den ostdeutschen Bundesländern bei der Bundestagswahl 2017?
63,1 % der Wahlberechtigten in den ostdeutschen Bundesländern nahmen an der Wahl teil.
Welcher Stimmenanteil wurde von der AfD in Mecklenburg-Vorpommern 2017 erzielt?
Die AfD erreichte 22,3 % der gültigen Stimmen im Bundesland.
Wie viele CDU-Mitglieder verließen die Partei im Jahr 2016?
Nach Angaben der CDU-Fraktion im Bundestag verließen 21.000 Mitglieder die Partei.
Was bedeutet „Maß und Mitte“ laut Merkel für demokratische Parteien?
Merkel definiert „Maß und Mitte“ als die Basis und Voraussetzung für den Erfolg demokratischer Parteien – ein Aufruf, sachlich zu bleiben und nicht auf populistische Rhetorik zu setzen.






