Das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt verspricht umfangreiche Steuer- und Sozialreformen, die nach Einschätzung führender Wirtschaftsforschungsinstitute eine erhebliche fiskalische Belastung und tiefgreifende strukturelle Risiken für die ostdeutsche Region mit sich bringen. Empirische Analysen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) liefern konkrete Kennzahlen zu Finanzierungslücken, demografischen Engpässen und potenziellen Einkommens sowie Beschäftigungsverlusten.
Finanzielle Lücke des AfD-Wahlprogramms
Das IWH hat die Umsetzung des AfD-Programms für das Haushaltsjahr 2026 detailliert berechnet und kommt zu einer jährlichen Deckungslücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro. Dieser Betrag entspricht etwa 25 % der gesamten Steuereinnahmen des Landes, das ein Gesamtbudget von rund 15 Milliarden Euro aufweist. Die Studie betont, dass weder Kürzungen bei freiwilligen Leistungen noch die geplanten Streichungen im Asylbereich die Lücke schließen könnten.
„Die Finanzlücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro ist nicht finanzierbar und macht die AfD-Pläne wirtschaftspolitisch irrelevant“, erklärt Reint Gropp, Präsident des IWH, gegenüber der Süddeutschen Zeitung.
Demografische Herausforderung und Fachkräfteabhängigkeit
Der demografische Wandel in Ostdeutschland reduziert das in-land-basierte Fachkräfteangebot stark. Laut einem Kurzbericht des IAB (2025) stehen in den neuen Bundesländern nur 68 jüngere Beschäftigte (28-32 Jahre) auf 100 ältere (58-62 Jahre). Im gesamten Bundesgebiet wurden von 2015 bis 2024 über 600 000 Fachkräfte ausschließlich durch ausländische Staatsangehörige nachgeholt. Der Rückgang deutscher Fachkräfte ist demnach nicht durch einheimische Arbeitskräfte kompensierbar.
„Wir können den Mehrwert, den Zuwanderer kreieren, nach bestimmten Jobs und Branchen sortieren. Dieser Mehrwert würde dann wegfallen“, betont Gropp im IHK-Wahldialog in Halle-Dessau.
Wirtschaftliche Folgen eines isolationistischen Kurses
Modelle des DIW Berlin (2026) prognostizieren, dass eine von der AfD getragene isolationistische Politik – etwa ein Austritt aus der EU (Dexit) und drastische Kürzungen bei Energie- und Einwanderungspolitiken – das Wirtschaftswachstum in Sachsen-Anhalt um 0,5 bis 1 Prozent pro Jahr bremsen könnte. Der Pro-Kopf-Einkommensverlust wird auf etwa 1.600 Euro pro Jahr geschätzt, und rund 10.000 Arbeitsplätze könnten gefährdet sein.
„Menschen in Sachsen-Anhalt würden im Durchschnitt jährlich rund 1.600 Euro an Einkommen verlieren und bis zu 10.000 Stellen könnten verloren gehen“, warnt DIW-Präsident Marcel Fratzscher.
Bedeutung erneuerbarer Energien für die Region
Sachsen-Anhalt zählt zu den Vorreitern der deutschen Energiewende: etwa 61,5 % des erzeugten Stroms stammt aus erneuerbaren Quellen. Diese hohe Quote verschafft dem Land einen Standortvorteil für energieintensive Industrieinvestoren. Ein Rückzug aus der Energiewende würde demnach nicht nur die Klimaziele gefährden, sondern auch die Attraktivität für ausländische Kapitalströme stark mindern.
„Eine Rückkehr von der Energiewende ist komplett kontraproduktiv und würde die Investorenattraktivität des Landes stark reduzieren“, erklärt Reint Gropp.
Kritik und Gegenargumente
- Modellannahmen setzen eine vollständige Umsetzung aller AfD-Vorschläge voraus; reale Regierungen sind durch Bundesrecht, Verfassungsgerichte und Koalitionszwänge eingeschränkt.
- Befürworter argumentieren, dass Bürokratieabbau und Senkung von Energieabgaben kurzfristige Kostenvorteile für mittelständische Unternehmen schaffen könnten.
Schnellüberblick:
Warum ist Sachsen-Anhalt besonders stark auf Zuwanderung im Arbeitsmarkt angewiesen?
Aufgrund des demografischen Wandels scheiden deutlich mehr ältere Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt aus, als junge einheimische Kräfte nachrücken; laut IAB kommen im Osten nur 68 Jüngere auf 100 rentennahe Beschäftigte.
Wie setzt sich die vom IWH errechnete Finanzlücke von 2,2 Milliarden Euro zusammen?
Sie ergibt sich aus versprochenen Steuersenkungen und neuen Landeszuschüssen, denen im Landeshaushalt keine realisierbaren Einsparungen oder Mehreinnahmen in gleicher Höhe gegenüberstehen.
Welche Rolle spielen erneuerbare Energien für Industrieansiedlungen im Land?
Mit über 60 % Ökostrom-Anteil bietet Sachsen-Anhalt energieintensiven Investoren einen Standortvorteil bei Dekarbonisierungszielen, der durch einen Ausstopp der Energiewende entwertet würde.






