Am 20. Oktober 2026 erklärte der bulgarische Regierungschef Rumen Radew, dass Bulgarien an dem von Wolodymyr Selenskyj geforderten 70-Milliarden-Euro-Paket für die Ukraine nicht teilnehmen werde. Die Aussage fiel inmitten wachsender Risse in der EU-Hilfsarchitektur und heftiger innenpolitischer Proteste vor dem Präsidialamt in Sofia. Radews Position erschwert nicht nur den angestrebten EU-Konsens für die langfristige Finanzierung der Ukraine ab 2027, sondern vertieft zugleich die sicherheitspolitische Spaltung im östlichen europäischen Grenzraum am Schwarzen Meer.
Bulgariens Ablehnung des 70-Milliarden-Euro-Pakets: Hintergründe und Aussagen von Rumen Radew
Auf dem EU-Gipfel forderte Präsident Wolodymyr Selenskyj zusätzliche 70 Milliarden Euro für das kommende Jahr, um die ukrainische Verteidigung gegen Russlands Angriffskrieg zu sichern. Radew reagierte vor Journalisten in der Kleinstadt Twardiza mit den Worten: “Wie kommt euch das vor dem Hintergrund von all dem, das in Europa geschieht, vor? Bulgarien kann auf keine Weise an diesen 70 Milliarden (Euro) beteiligt sein.” Er begründete die Weigerung damit, dass der Krieg die europäischen Volkswirtschaften erschöpfe und soziale Spannungen sowie politische Instabilität verursache. Radew betonte, dass die Frontlinien seit einem Jahr festgefahren seien und ein militärischer Sieg “nicht mit militärischen Mitteln erreicht werden” könne.
“Der Ukraine-Krieg erschöpfe die europäischen Volkswirtschaften und führe zu sozialer Spannung und politischer Instabilität”, fügte er hinzu. Er verwies zudem auf Probleme wie unkontrollierte Migration, gescheiterte Integration, den Green Deal, Deindustrialisierung und Arbeitsplatzverlust als Gründe für die Unzufriedenheit der europäischen Bürger.
Radew erinnerte daran, dass die EU im Vorjahr ein gemeinsames Darlehen von 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027 bewilligt hatte. Für dieses Darlehen hatten drei Mitgliedstaaten – Ungarn, Tschechien und die Slowakei – Sonderregelungen ausgehandelt, die sie von einer Kostenbeteiligung befreiten. Bulgarien war allerdings daran noch beteiligt.
Dennoch bleibt die Beteiligung Bulgariens am bisherigen Kreditumfeld ein kritischer Faktor für die Bewertung seiner künftigen Finanzverpflichtungen.
Rechtliche Rahmenbedingungen: EU-Kredite, Ausnahmen und mögliche Ausstiegsmechanismen
- 90 Milliarden-Euro-Darlehen für 2026-2027 – beschlossen 2025 (gemeinsame EU-Kreditfinanzierung).
- Opt-outs für Ungarn, Tschechien und die Slowakei über bilaterale Garantiekonstrukte.
- Potenzielle neue Pakete könnten über Artikel 20 EUV (verstärkte Zusammenarbeit) oder zwischenstaatliche Garantien organisiert werden.
Rechtswissenschaftler erklären, dass ein Mitgliedstaat, das nicht an einem neuen Finanzpaket teilnehmen will, nicht zwingend das gesamte EU-Projekt blockieren kann. Wenn ein Finanzierungsbeschluss nicht einstimmig im EU-Haushalt verankert wird, greift auf multilaterale Mechanismen zurück, bei denen unwillige Staaten außen vor bleiben. Damit könnte Bulgarien die neue 70-Milliarden-Euro-Hilfestellung verweigern, ohne das Gesamtpaket der restlichen Mitgliedstaaten zu verhindern.
Innenpolitische Reaktionen: Proteste in Sofia und Opposition gegen den Kurs
Radews Kurswechsel stieß im eigenen Land jedoch auf erheblichen Widerstand. Parallel zu seinen Äußerungen versammelten sich in der Hauptstadt Sofia Hunderte Demonstrierende unter dem Leitspruch “Euer Frieden ist Kapitulation, eure Diplomatie ist Isolation” vor dem Amtssitz der Exekutive. Die Proteste wurden von der bulgarischen Nachrichtenagentur BTA dokumentiert.
Oppositionspolitiker wie Assen Vassilev, Ko-Vorsitzender der pro-europäischen Partei “Wir setzen den Wandel fort” (PP), warfen dem Regierungschef vor, das Land sicherheitspolitisch ins Abseits zu manövrieren. Vassilev erklärte: “Radew führt Bulgarien in eine gefährliche Isolation – gerade wenn die Bedrohungen im Schwarzen Meer zunehmen.”
Die Opposition kritisierte zudem die “Kapitulationspolitik” und wies darauf hin, dass die Weigerung, sich an EU-Hilfen zu beteiligen, die Verhandlungsposition Bulgariens in Brüssel schwächt, während das Land gleichzeitig Schutz durch NATO-Partner gegen Drohnenbedrohungen im Schwarzen Meer einfordert.
Sicherheitslage im Schwarzen Meer: Drohnenangriffe auf zivile Handelsschiffe
Die außenpolitische Debatte wird durch eine eskalierende Sicherheitslage im bulgarischen Schwarzmeerraum verstärkt. Im Jahr 2026 wurden mindestens drei zivile Frachtschiffe in bulgarischen Hoheitsgewässern von Drohnen getroffen: der Frachter Alfa Watan sank, während die Schiffe Able und Chelsea 3 beschädigt wurden. Diese Vorfälle wurden von der Bulgarischen Nationalradio (BNR) bestätigt.
Experten aus verbündeten Ländern untersuchen die Drohnen, die das Schiff Chelsea 3 getroffen haben, um die Herkunft und das technische Potenzial der Angriffe zu analysieren. Die Angriffe verdeutlichen, dass Bulgariens Sicherheitspolitik unmittelbar von der Lage im Schwarzen Meer betroffen ist und die innenpolitische Debatte um die Ablehnung von EU-Hilfen in ein konkretes Gefahrenbild einbindet.
Auswirkungen auf die europäische Sicherheitspolitik und den Ukraine-Konsens
Bulgarien reiht sich mit seiner Haltung in eine wachsende Gruppe skeptischer Hauptstädte ein, zu denen bereits Budapest, Bratislava und weitere Staaten gehören, die bei früheren Kreditpaketen Sonderstatus ausgehandelt haben. Die Entscheidung, sich nicht am 70-Milliarden-Euro-Paket zu beteiligen, könnte den Verhandlungsdruck auf Brüssel erhöhen, alternative Finanzierungsmodelle zu entwickeln, die weniger stark auf einheitliche Mitgliedstaatenzustimmungen angewiesen sind.
Gleichzeitig schwächt die Weigerung Bulgariens die eigene Verhandlungsposition bei anstehenden Haushalts- und Kohäsionsverhandlungen in Brüssel. Das Land verliert damit nicht nur Einfluss im europäischen Sicherheitsdiskurs, sondern riskiert auch eine weitere Isolation gegenüber NATO-Partnern, die Schutzgarantien gegen die anhaltenden Drohnenangriffe fordern.
Ökonomen warnen zudem, dass das makroökonomische Narrativ der Regierung, das die Kriegshilfen als Ursache für Inflation und Energiepreissteigerungen benennt, zu kurz greift. Analysen zeigen, dass die Hauptrisiken für Inflation und Energiepreise primär aus Versorgungsunsicherheiten und geopolitischen Risiken eines ungelösten Konflikts stammen.
Schnellüberblick:
Kann Bulgarien neue EU-Hilfen für die Ukraine alleine mit einem Veto verhindern?
Nein. Wenn eine Finanzierung nicht einstimmig im EU-Haushalt verankert werden kann, weicht Brüssel wie in der Vergangenheit auf multilaterale zwischenstaatliche Garantien oder Mechanismen der verstärkten Zusammenarbeit (Art. 20 EUV) aus, an denen unwillige Staaten nicht teilnehmen.
Wie reagiert die bulgarische Opposition auf Radews Absage?
Pro-europäische Parteien wie “Wir setzen den Wandel fort” (PP) kritisieren den Kurs scharf und warnen vor einer Kapitulationspolitik, während am 20. Oktober 2026 Hunderte Bürger in Sofia gegen Radews sicherheitspolitische Ausrichtung protestierten.
Quellen
- https://www.bta.bg/en/news/bulgaria/765042-pm-radev-says-bulgaria-cannot-contribute-to-new-ukraine-funding-request
- https://www.welt.de/politik/ausland/article254109832/Ukraine-Auf-keine-Weise-Bulgarien-lehnt-Beteiligung-an-neuen-EU-Hilfen-ab.html
- https://www.bta.bg/en/news/bulgaria/765189-protesters-slam-president-iotova-pm-radev-for-letting-bulgaria-capitulate-
- https://bnrnews.bg/en/post/102061245/experts-from-allied-countries-to-examine-drones-that-struck-chelsea-3-at-sea






