In Deutschland steigt die Zahl der Darmkrebserkrankungen bei jüngeren Menschen, obwohl der Anstieg im Vergleich zu den USA moderat bleibt. Diese Entwicklung beeinflusst die aktuelle Debatte über die Altersgrenzen des Darmkrebs-Screenings und wirft Fragen zu Prävention, Kosten-Nutzen-Rechnungen und möglichen Fehlinterpretationen von Befunden auf.
Aktuelle Inzidenzzahlen bei jungen Erwachsenen in Deutschland
Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) lag die altersstandardisierte Inzidenz von Darmkrebs im Jahr 2021 bei den 20- bis 39-Jährigen bei 1,8 Fällen pro 100.000 Personen. Dieser Wert stellt einen leichten Anstieg gegenüber den Vorjahren dar und belegt, dass auch jüngere Erwachsene nicht von der Erkrankung verschont bleiben.
- Altersgruppe 20- bis 39-Jahre: 1,8 Fälle/100.000 (2021)
- Altersgruppe 40- bis 49-Jahre: 20 Fälle/100.000 (2021)
- Altersgruppe über 50 Jahre: 100-150 Fälle/100.000 (2021)
Die Zahlen zeigen, dass die Inzidenz bei den über 50-Jährigen nach wie vor um ein Vielfaches höher ist, jedoch bei den jüngeren Gruppen ein wachsendes Risiko erkennbar ist.
Langfristige Trends nach Altersgruppen
Eine aktuelle Krebsregisterwertung aus neun deutschen Bundesländern, die etwa 46 % der deutschen Bevölkerung abdeckt, liefert wichtige Langzeitdaten:
- Bei den 40- bis 49-Jährigen blieb die Erkrankungsrate über die vergangenen 20 Jahre stabil.
- Bei Personen über 50 Jahren sank die Inzidenz leicht.
- Neuerkrankungen traten vor allem in der Gruppe der 20- bis 39-Jährigen auf.
Nur etwa fünf Prozent aller Darmkrebserkrankten in Deutschland sind unter 50 Jahren, was die relative Seltenheit in dieser Altersgruppe unterstreicht.
Internationaler Vergleich: USA
Im internationalen Kontext fällt Deutschland deutlich geringer aus. Eine Studie im Journal of the American Medical Association (JAMA) aus dem Jahr 2023 berichtet, dass 14 % der neuen Darmkrebserkrankungen in den USA bei Personen unter 50 Jahren diagnostiziert werden. Dieser Prozentsatz ist mehr als das Doppelte des deutschen Anteils und weist auf unterschiedliche Risikofaktoren und Lebensstilbedingungen hin.
Argumente für und gegen eine Senkung des Screeningalters
Die Daten führen zu einer kontroversen Diskussion über die mögliche Senkung des regulären Screeningalters von 50 auf 45 Jahre.
Pro-Argumente
- Frühzeitige Erkennung könnte zusätzliche Fälle verhindern, insbesondere bei Risikogruppen.
- Ein Anstieg der Inzidenz bei 20- bis 39-Jährigen liefert quantitative Unterstützung für präventive Maßnahmen.
Contra-Argumente
- Screening-Alterssenkung könnte zu mehr falsch-positiven Befunden führen, die unnötige Belastungen für Patienten und das Gesundheitssystem bedeuten.
- Bei den 40- bis 49-Jährigen zeigte die Studie keinen Anstieg, wodurch ein generelles Screening-Upgrade nicht zwingend gerechtfertigt erscheint.
- Ressourcen könnten von anderen Präventionsangeboten abgezogen werden.
Expertenmeinungen
Thomas Seufferlein, ärztlicher Direktor für Innere Medizin am Universitätsklinikum Ulm, betont gegenüber dem Science Media Center:
„Die große Mehrzahl von Tumoren werde jenseits des 50. Lebensjahrs diagnostiziert, nur etwa fünf Prozent bei Menschen unter 50 Jahren.“
Ulrike Haug, Epidemiologin am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, ergänzt:
„Bei 20- bis 29-Jährigen lag die Erkrankungsrate zuletzt bei weniger als zwei Fällen pro 100.000 Menschen, bei den 30- bis 39-Jährigen bei unter acht, bei den 40- bis 49-Jährigen bei rund 20. Bei den über 50-Jährigen lagen die Raten dagegen bei etwa 100 bis 150 pro 100.000.“
Haug warnt zudem vor einer unkritischen Ausweitung des Screenings: „Es bleibt ein Abwägen des zusätzlichen Nutzens der Ressourcen, die dann möglicherweise bei anderen Erkrankungen oder Präventionsangeboten fehlen.“
Prävention und Risikogruppen
Statt einer generellen Senkung des Screeningalters wird von den Fachleuten ein stärkerer Fokus auf Prävention und gezielte Untersuchungen von Risikogruppen empfohlen.
- Bekannte Risikofaktoren: Übergewicht, Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährung, hoher Antibiotikaeinsatz und Veränderungen des Darmmikrobioms.
- Risikogruppen, die bereits früher untersucht werden sollten: Personen mit familiärer Vorbelastung, erblichen Risikosyndromen oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen.
- Warnzeichen, die bei jüngeren Menschen unbedingt abgeklärt werden sollten: Blut im Stuhl, anhaltende Bauchschmerzen, Eisenmangelanämie, ungeklärter Gewichtsverlust, dauerhafte Veränderungen der Stuhlgewohnheiten.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland derzeit mehr Nutzen aus einer verstärkten Prävention und einer gezielten Untersuchung von Hochrisikopatienten resultiert als aus einem flächendeckenden Screening ab 45 Jahren.
Schnellüberblick:
Wie hoch sind die Inzidenzraten von Darmkrebs bei jungen Erwachsenen in Deutschland?
Im Jahr 2021 lag die Inzidenzrate für 20- bis 39-Jährige bei 1,8 pro 100.000, was auf einen leichten Anstieg hindeutet.
Wie unterscheidet sich die Situation in den USA von der in Deutschland?
In den USA werden 14 % der neuen Darmkrebserkrankungen bei Personen unter 50 diagnostiziert, während in Deutschland nur etwa fünf Prozent unter 50 betroffen sind.
Welche Altersgruppen zeigen in Deutschland stabile bzw. sinkende Erkrankungsraten?
Die 40- bis 49-Jährigen weisen seit 20 Jahren eine stabile Rate von rund 20 Fällen pro 100.000 auf; bei über 50-Jährigen ist die Rate leicht rückläufig.
Welche Risiken birgt ein früheres Screening?
Ein früheres Screening kann zu mehr falsch-positiven Ergebnissen führen, die zusätzliche diagnostische Untersuchungen, psychische Belastungen und höhere Kosten für das Gesundheitssystem nach sich ziehen.
Welche präventiven Maßnahmen werden empfohlen?
Ausbau von Ernährungs- und Bewegungsprogrammen, gezielte Untersuchung von Personen mit familiärer Vorbelastung oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und konsequente Abklärung von Warnzeichen wie Blut im Stuhl.






