Petr Pavel, Präsident der Tschechischen Republik und ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses (2015-2018), hat in einem exklusiven Interview vor den Folgen einer möglichen Verhandlung zwischen Washington und Moskau ohne europäische Mitwirkung gewarnt. Seine Einschätzung stützt sich auf operative Erfahrung, aktuelle militärische Verlustzahlen russischer Streitkräfte und klare makroökonomische Indikatoren einer angeschlagenen russischen Kriegswirtschaft. Der Artikel analysiert die Faktenlage, ordnet sie in den historischen und institutionellen Kontext ein und zeigt, warum ein eigenständiger europäischer Verhandlungsführer nach Pavels Ansicht unverzichtbar ist.
Historischer und institutioneller Hintergrund von Petr Pavel
- Generalstabschef der tschechischen Streitkräfte (2012-2015)
- Vorsitzender des NATO-Militärausschusses (2015-2018)
- Präsident der Tschechischen Republik seit 2023
Während seiner NATO-Zeit verhandelte Pavel direkt mit dem russischen Generalstabschef Waleri Gerassimow. Die Erinnerung an das Münchner Abkommen von 1938 und das damit verbundene historische Trauma für Kleinstaaten prägen seine Haltung: “Sie sehen, wie gespalten wir sind, wie schwach wir sind, wie lange es bei uns dauert, bis wir überhaupt eine Entscheidung treffen.” (Pavel, 2025). Diese persönliche Erfahrung liefert die Grundlage für seine Forderung nach einer einheitlichen europäischen Verhandlungsposition.
Verluste und Rekrutierungskapazitäten der russischen Streitkräfte
Westliche Nachrichtendienste belegen einen dramatischen Anstieg der russischen Verluste:
- Spitzentagesverlust im September 2026: 2.090 Soldaten/Tag (UK Defence Journal, 2026)
- Monatliche Verluste im September 2026: rund 50.000 Getötete und Verwundete
- Kumulierte Verluste seit Februar 2022: >1,1 Millionen Soldaten (CSIS, 2026)
Die täglichen Ausfälle von 1.200 bis über 2.000 Mann übersteigen die Rekrutierungsrate, selbst bei großzügigen Einmalprämien. Pavel betont: “Russland verliert jeden Monat Zehntausende Soldaten – allein im September waren es rund 50.000 Getötete und Verwundete. Das übersteige bei Weitem das Tempo, in dem Moskau seine Verluste durch Rekrutierung ausgleichen könne.”
Strukturelle Belastung der russischen Kriegswirtschaft
- Leitzins der russischen Zentralbank: 14 % bis 21 % (2024-2026)
- Verteidigungsausgaben: rund 30-32 % des Gesamthaushalts, über 6 % des BIP (SIPRI, 2025/2026)
- Hohe Inflation, Wirtschaftswachstum sinkt, Ressourcenknappheit
Pavel weist darauf hin, dass die Zentralbank extreme Zinsen von bis zu 21 % eingesetzt hat, um eine kriegsbedingte Preisüberhitzung zu dämpfen. Gleichzeitig verschlingen die Militärausgaben etwa ein Drittel aller Staatsausgaben, was zivile Investitionen stark belastet. “Die soziale Lage dort ist wirklich nicht gut, die wirtschaftliche Lage ist sehr düster,” fasst Pavel die Lage zusammen.
Risiken bilateraler US-Russland-Verhandlungen ohne Europa
Ein Ausschluss Europas aus direkten Gesprächen könnte die europäische Sicherheitsarchitektur untergraben. Pavel erklärt: “Es sei nicht möglich, über europäische Sicherheit zu verhandeln, während die Europäer außen vor blieben. Deshalb müsse Europa zunächst eine klar formulierte, eigene Verhandlungsposition entwickeln.” Ohne ein gemeinsames Mandat würden mögliche Zugeständnisse zu Sicherheitszonen, Truppenstationierungen oder Sanktionserleichterungen nicht die Interessen der direkt betroffenen Staaten widerspiegeln.
Der Präsident warnt zudem vor einem “Bonbon”-Angebot für Putin – einer Wiederaufnahme von Wirtschaftsbeziehungen, die nach seiner Ansicht eine Fehlkalkulation der europäischen Partner darstellen könnte: “Wenn wir einen Prozess in Gang setzen, der zu einem Ende des Konflikts führen würde, dann gäbe es keinen Grund, weitere hybride Angriffe zu starten, insbesondere wenn am Ende ein Bonbon wartet.”
Europas notwendige Verhandlungsstrategie
Pavel fordert, dass Europa zuerst:
- eine intensive interne Debatte über eine umfassendere Position führt,
- einen oder mehrere klare Verhandlungsführer mit einem eigenständigen Mandat bestimmt,
- die Einheit zwischen EU- und NATO-Mitgliedstaaten stärkt, um institutionelle Reibungen zu minimieren.
Er betont, dass die Vertreter nicht zwingend aus der EU- oder NATO-Struktur stammen müssen, sondern Politiker mit einem “klaren Mandat” der anderen europäischen Akteure sein sollten. Nur so könne Europa verhindern, dass es von den Großmächten “außen vor” gelassen wird.
Schnellüberblick:
Wer ist Petr Pavel und welche militärische Rolle hatte er inne?
Petr Pavel war von 2012 bis 2015 Generalstabschef der tschechischen Streitkräfte und von 2015 bis 2018 Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, dem höchsten militärischen Beratergremium des Bündnisses. Seit 2023 ist er Präsident der Tschechischen Republik und gilt als einer der profiliertesten Sicherheitsexperten unter den europäischen Staatschefs.
Stimmen die Zahlen zu den monatlichen russischen Verlusten von 50.000 Mann?
Ja. Das britische Verteidigungsministerium und unabhängige Think-Tanks registrierten im Spätsommer und Frühherbst Phasen mit 1.200 bis über 2.000 Ausfällen (Tote und Verwundete) pro Tag, was hochgerechnet auf einen Monat 38.000 bis über 45.000 Soldaten entspricht. Der Spitzenwert von 2.090 Mann an einem Tag wurde im September 2026 von britischen Quellen bestätigt.
Was meint Pavel mit der Warnung vor einem Ausschluss Europas?
Pavel befürchtet bilaterale Absprachen zwischen den USA und Russland, bei denen strategische Zugeständnisse über Sicherheitszonen, Truppenstationierungen oder Sanktionserleichterungen getroffen werden, ohne dass die unmittelbar betroffenen europäischen Staaten am Tisch sitzen. Er warnt, dass ein solcher Ausschluss die europäische Sicherheitsarchitektur untergraben und Europa langfristig irrelevant machen könnte.
Quellen
- https://ukdefencejournal.org.uk/russian-daily-casualties-highest-since-war-began/
- https://www.csis.org/analysis/russias-grinding-war-ukraine
- https://www.sipri.org/commentary/topical-backgrounder/2026/military-spending-russias-draft-federal-budget
- https://www.cbr.ru/eng/press/pr/?file=25102024133000key.htm
- https://www.nato.int/cps/en/natohq/whoiswho121516.htm






