Der russische Exil-Oppositionelle Michail Chodorkowski, ehemals Chef des zerschlagenen Ölkonzerns Yukos, gab im Rahmen einer Gesprächsrunde des Berliner Think-Tanks Zentrum Liberale Moderne (LibMod) eine nüchterne Einschätzung der aktuellen Lage in Russland ab. Seine Analyse zur Finanzierbarkeit des Krieges, zur öffentlichen Stimmung und zu den Perspektiven nach einem möglichen Machtwechsel liefert westlichen Entscheidungsträgern ein wichtiges Lagebild, das von überzogenen Erwartungen an einen schnellen wirtschaftlichen Kollaps und an eine rasche Demokratisierung ablenkt.
Wirtschaftliche Tragfähigkeit: Makroökonomische Befunde zur russischen Kriegskonjunktur
Chodorkowski betont, dass die russische Wirtschaft trotz anhaltender Sanktionen und hoher Inflation den Krieg mindestens zwei bis drei Jahre weiterfinanzieren kann. Diese Einschätzung wird von unabhängigen Forschungsinstituten bestätigt:
- Der BOFIT-Forecast für die Jahre 2026-2028 sagt ein prognostiziertes BIP-Wachstum von ca. 0,5 % bis 1,0 % für 2026 voraus – ein deutlicher Rückgang gegenüber den Vorjahren, jedoch kein akuter Einbruch ( BOFIT, 2026 ).
- Im Haushaltsjahr 2025 entfallen über 30 % des russischen Föderalhaushalts auf Rüstungs- und Sicherheitsausgaben – ein Rekordanteil, der die Priorität der militärischen Produktion verdeutlicht ( BOFIT, 2025 ).
„Alle potenziellen Probleme Putins wie etwa die wirtschaftliche Lage nach Jahren der Sanktionen seien bis heute nicht kritisch“, sagt Chodorkowski. Die anhaltenden Einnahmen aus Rohstoffexporten und die Umschichtung des Staatshaushalts auf Rüstungsproduktion verhindern, laut seiner Aussage, einen unmittelbaren fiskalischen Zusammenbruch.
Öffentliche Unterstützung für den Krieg in Russland
Unabhängige Meinungsforschungen des Levada-Zentrums belegen das Paradoxon zwischen wachsendem Wunsch nach Friedensverhandlungen und stabiler Billigung militärischer Aktionen:
- Unterstützung für das russische Militär liegt 2026 bei ca. 70 %-72 % (Levada-Monatsbarometer).
- Die Befürwortung von Friedensverhandlungen beträgt 2026 zwischen 53 % und 67 %, wobei ein signifikanter Teil der Befragten zugleich Machtstreitigkeiten über Gebietsverluste ablehnt.
Chodorkowski erklärt: „Die Unterstützung des Kriegs in der Bevölkerung wachse eher noch, seit die Ukraine verstärkt mit Drohnen Einrichtungen auf russischem Gebiet angreife.“ Diese Beobachtung wird durch die Levada-Daten gestützt, die zeigen, dass Angriffe auf das russische Territorium eher den Eindruck einer existenziellen Bedrohung verstärken als Proteste auslösen.
Politischer Rahmen des Auftritts: Das Zentrum Liberale Moderne
Der Diskussionstitel „Russland und der Westen“ wurde vom Zentrum Liberale Moderne organisiert, einer Berliner Denkfabrik, die von Ralf Fücks und Marieluise Beck gegründet wurde. Das Institut gilt in Moskau als „unerwünscht“ und dient im Exil als Plattform für Oppositionelle. Chodorkowski nutzte das Pressegespräch, um seine Einschätzungen direkt deutschen Außenpolitikern und Journalisten mitzuteilen.
„Ich erwarte nicht, dass nach ihm etwas Schlimmeres kommt“, sagte der ehemalige Ölmagnat, als er die Frage nach einem möglichen Nachfolger Putins beantwortete. Dieser Verweis unterstreicht seine Erwartung, dass ein Machtwechsel nicht zu einer radikalen Verstärkung des Regimes führen wird.
Risiken und Gegenargumente zur Einschätzung
Obwohl Chodorkowski von einer robusten Kriegsfinanzierung spricht, weisen weitere Analysen auf potenzielle Schwachstellen hin:
- Schockanfälligkeit der Kriegswirtschaft: BOFIT warnt vor starken Einbrüchen bei weltweit sinkenden Ölpreisen, akutem Arbeitskräftemangel und einer möglichen Lohn-Preis-Spirale, die den fiskalischen Spielraum des Kremls schneller einschränken könnten ( BOFIT, 2026 ).
- Verzerrungen bei Meinungsumfragen: In autoritären Regimen führen drakonische Strafandrohungen zu konformer Antwortkultur, sodass Umfragewerte nicht zwangsläufig echte Überzeugungen widerspiegeln ( Levada-Center, 2026 ).
Diese Gegenpunkte zeigen, dass Chodorkowskis Analyse zwar fundiert, aber nicht frei von Unsicherheiten ist.
Schnellüberblick:
Wie lange kann Russland den Krieg finanziell durchhalten?
Nach Angaben von Chodorkowski und bestätigt durch BOFIT-Prognosen kann Russland seine Rüstungsproduktion und Soldzahlungen mindestens zwei bis drei Jahre aufrechterhalten, solange Rohstofferlöse das Budget stützen.
Wie hoch ist die aktuelle Unterstützung der russischen Bevölkerung für den Krieg?
Levada-Umfragen aus dem Jahr 2026 zeigen, dass rund 70 % bis 72 % der Befragten das Vorgehen der eigenen Truppen billigen, während 53 % bis 67 % Friedensverhandlungen befürworten.
Welche Perspektiven gibt es nach einem möglichen Machtwechsel?
Chodorkowski schätzt, dass ein Machtwechsel nicht zu einer westlich orientierten Demokratisierung führt, sondern eher zu einer institutionellen Machtbalance unter den bestehenden Eliten, wobei das Parlament und der Föderationsrat mehr Einfluss erhalten könnten.
Welches Gewicht hat Chodorkowskis Stimme im Exil?
Chodorkowski, einst der reichste Mann Russlands und Chef von Yukos, verbrachte zehn Jahre in Haft und finanziert seit seiner Freilassung oppositionelle Forschung und Plattformen aus dem europäischen Exil. Er gilt im Westen als profilierter Analyst von Kreml-Machtnetzwerken, repräsentiert jedoch nur einen Teil der zersplitterten Exil-Opposition.
Warum stoppen westliche Sanktionen den Krieg nicht?
Russland hat seine Handelsströme nach Asien umgeleitet und betreibt ein staatlich gesteuertes Rüstungskonjunkturprogramm. Trotz hoher Leitzinsen und Inflation reicht der Zufluss harter Währungen aus Rohstoffexporten vorerst aus, um den Kriegsbetrieb zu alimentieren.
Quellen
- https://www.welt.de/politik/ausland/article254052336/Michail-Chodorkowski-Wird-Putin-im-Amt-sterben-Sehr-wahrscheinlich.html
- https://www.bofit.fi/en/forecasting/latest-forecast-for-russia/
- https://www.russiamatters.org/analysis/russia-review-feb-27-march-6-2026
- https://www.foi.se/reports/report-summary.html?reportNo=FOI-R–5764–SE





